ICH SEHE MICH ALS EINE ART „HEBAMME“

Aus dem Alltag einer behinderten Paar- und Sexualtherapeutin

 

Christina Graefe (53) kennt sich mit Lust und Frust in der Liebe aus. Als Paar- und Sexualtherapeutin begleitet sie jeden Tag Paare und Singles auf ihrem Weg durch unwegsames Beziehungsgelände. Dabei ist ihre Sprechbehinderung durchaus kein Nachteil.

Im Interview mit dem Magazin AUSZEIT berichtet sie aus ihrem Praxisalltag.

 

 

Frau Graefe, warum sind Sie Sexualtherapeutin geworden?

Christina Graefe:  Ich war ursprünglich Schauspielerin und Drehbuchautorin fürs Fernsehen. Dann hat mich vor zehn Jahren ein Krebstumor in der Zunge erwischt, der mich nach einigem Hin und Her mit einer Sprechbehinderung zurück gelassen hat. Mit der Schauspielerei war es danach natürlich Essig und mit dem Drehbuchschreiben später auch. Ich habe mich gefragt: Willst du in Zukunft einen Job machen, bei dem deine Behinderung bestenfalls nicht stört, oder willst du eine Aufgabe, für die deine Behinderung eine Kompetenz darstellt?

 

Und da sind Sie auf Sexualtherapie gekommen?

Christina Graefe:   Ja, denn bei mir sehen die Klienten auf den ersten Blick, dass ich weiß, wovon sie sprechen. Jeder Mann mit einer Erektionsstörung, jede Frau mit Vaginismus  fühlt sich in gewisser Weise „behindert“, weil dem Status Quo ausgeliefert. Ich verstehe das gut. Mein persönliches Betroffensein wirkt auf viele Klienten so, dass sie sich leichter und vertrauensvoll öffnen können.

 

Welche Fragen und Probleme werden am häufigsten an Sie herangetragen?  

Christina Graefe:   Die meisten meiner Klienten kommen zu mir, weil sie Probleme in ihren Partnerschaften haben und/oder Schwierigkeiten in ihrem Sexualleben. Manchmal haben die Symptome körperliche Ursachen, die sich in der Regel leicht beheben lassen. Nicht selten zeigt sich im Laufe der Beratung oder Therapie aber, dass sich dahinter ungelöste psychische Konflikte verstecken, wie etwa Angst, Depression, Trauer, Wut, Enttäuschung oder Überforderung. Oftmals tragen die Menschen diese belastenden Gefühle schon seit langer Zeit mit sich herum, ohne sie zu hinterfragen. Erst, wenn die Probleme sich auf der körperlichen Ebene, eben als sexuelle Funktionsstörung zeigen, oder die Beziehung zu zerbrechend droht, gehen die Alarmlämpchen an und die Betroffenen suchen sich therapeutische Hilfe.

 

Warum, glauben Sie, brauchen heute so viele Menschen Hilfe von Therapeuten? Haben wir – zumindest zu einem gewissen Teil – einfach verlernt, selbst mit unseren Problemen zurecht zu kommen?

Christina Graefe:   Ich vermute eher, dass den Menschen früher weniger Zeit blieb, sich mit ihren psychischen Problemen zu beschäftigen. Bis vor wenigen Jahrzehnten ging es für die meisten von uns doch noch darum, tagtäglich die Lebensgrundlagen zu sichern. Da fehlte es schlicht und ergreifend an Zeit und Gelegenheit, um sich mit der eigenen seelischen Befindlichkeit auseinander zu setzen. Meine Großmutter zum Beispiel ist nach dem Zweiten Weltkrieg noch 37 Jahre lang mit einer unbehandelten mittelgradigen Depression herumgelaufen, ohne dass das irgend jemanden ernstlich gestört hätte. In einem positiven Sinne könnte man das vielleicht so sehen, dass diese Menschen über eine größere mentale Disziplin verfügten. Aber ob sie damit glücklicher waren…?!

 

Und heute?

Christina Graefe:   Heute können wir uns den „Luxus“ erlauben, unser Befinden als wesentlichen Bestandteil unserer Lebensqualität wahrzunehmen und eigenverantwortlich dafür zu sorgen. Entsprechend lädt ein umfangreiches Angebot an therapeutischer Unterstützung dazu ein, sich der eigenen Schwierigkeiten bewusst zu werden und aktiv verändernd auf sie einzuwirken. Das setzt natürlich ein gewisses Maß von Interesse an der eigenen Persönlichkeitsentwicklung voraus, sowie ein hohes Maß an Selbstverantwortung. Beides hat dazu geführt, dass der Begriff „Therapie“ in der öffentlichen Wahrnehmung heute längst nicht mehr so häufig mit „Dachschaden“ assoziiert wird, als das noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Folglich sind heute mehr Menschen dazu bereit, sich von einem Profi bei der Problemlösung beraten zu lassen.

 

Gibt es in Ihrer alltäglichen Praxis ein Thema oder eine Frage, die typisch für die heutige Zeit ist, oder beschäftigt die Leute beim Thema Sex heute das gleiche wie vor 20, 50 oder auch 100 Jahren?

Christina Graefe:   Ich habe den Eindruck, dass wir uns heute mehr denn je mit der Frage nach der sexuellen „Norm“ beschäftigen. Seit die amerikanischen Wissenschaftler Kinsey sowie Masters und Johnson in den 1950er Jahren erstmals statistische Erhebungen zum Sexualverhalten breiter Bevölkerungsgruppen durchgeführt haben, geistern Vorstellungen davon, was „normal“ ist, in unseren Köpfen herum. Inzwischen haben wir diese noch um Bilder davon ergänzt, was wir für „geil“ halten. Dabei denken wir dann an bestimmte Körpermaße oder auch Stellungen und Abläufe beim Sex, die wir aus Filmen oder Büchern kennen. Die individuelle sexuelle Ausdruckskraft eines Menschen verschwindet auf diese Weise immer mehr hinter unrealistischen Vorstellungen davon, wie Sex zu sein habe, damit er das Prädikat „geil“ verdient. Unterm Strich würde ich sagen: Vor 100 Jahren kannten die Menschen natürlich auch sexuelle Versagensängste, aber diesen immensen Leistungsdruck, unter den wir uns heute mitunter dabei setzen, darf man wohl getrost dem „Zeitgeist“ zuschreiben.

 

Welche Angebote können Sie als Therapeutin ihren Patienten überhaupt machen, wenn diese mit einem Problem an Sie herantreten? Was können Sie leisten und wo liegen die Grenzen, in denen Sie sich bewegen können?

Christina Graefe:   Eine klare Grenze besteht zunächst einmal darin, dass ich von Gesetzes wegen dazu verpflichtet bin, kein Heilungsversprechen abzugeben. Das würde ich allerdings auch dann nicht tun, wenn das Gesetz es mir frei stellte. „Heil“ ist meiner Meinung nach ein höchst subjektiver Begriff und kann entsprechend nicht garantiert werden. Trotzdem kommen viele Klienten mit genau diesem Wunsch in meine Praxis: Mach das weg und zwar pronto! Zu Beginn einer Zusammenarbeit besteht meine Aufgabe also erst einmal darin, Klienten zu vermitteln, wie wenig Sinn es machen würde, wenn ich ihre Probleme für sie löste. Schlussendlich hieße das doch, dass sie beim nächsten Problem wieder bei mir anklopfen müssten. Stattdessen erscheint es mir wesentlich effizienter, Klienten dazu zu verhelfen, eigene Lösungskompetenzen zu entwickeln. Das können mitunter Schritte zu konkreten Veränderungen sein, die das Problem tatsächlich „weg machen“. Es gibt aber auch Probleme, die sich nicht so einfach wegmachen lassen wollen. Dann lohnt es sich vielleicht, Fähigkeiten zum besseren Umgang mit dem Problem zu entwickeln. Voraussetzung dafür ist, dass wir den Status Quo erst einmal akzeptieren und den Widerstand, also das „Weg-machen-Wollen“ aufgeben. Unter Umständen stellt sich dabei heraus, dass das viel geschmähte Problem auch ein bis zwei kostbare Vorzüge in sich verborgen trägt, die zu heben und zu leben sich lohnen könnte. Denken Sie nur an Menschen, denen durch eine Krankheit oder einen Unfall der „normale“ Geschlechtsverkehr unmöglich gemacht wird. Die müssten sich was einfallen lassen, um beziehungstechnisch im Spiel zu bleiben. Nicht selten entdecken sie dabei bestimmte sexuelle Talente oder Handlungsmöglichkeiten, auf die sie ohne den Verlust vielleicht nie gekommen wären. Das nenne ich: Gewinn als Verlust getarnt.

 

Inwieweit haben moderne Medien wie Facebook und Co. Ihre Arbeit beeinflusst und verändert? Machen sich diese auch bei den Problemen Ihrer Patienten, vielleicht speziell der jüngeren Generationen, bemerkbar?

Christina Graefe:   Die Sozialen Netzwerke haben meiner Meinung nach nicht nur dafür gesorgt, dass wir uns weltweit leichter miteinander verbinden können, sondern auch, dass diese Bindungen „leichter“ geworden sind. Das merke ich in meiner Arbeit schon. Die Bereitschaft, sich auf einen bestimmten Menschen näher einzulassen, oder auch in kritischen Phasen um eine Beziehung zu kämpfen, ist deutlich gesunken. Hey, was soll’s? Der oder die Nächste ist ja nur einen Klick entfernt. Mir scheint, die Generation „Maybe“ sucht heute nicht mehr nach Mr. oder Mrs. „Right“, sondern nach den „Perfects“. Dass diese Suche eine Illusion ist, die sich im Kreise dreht, merken viele erst etliche Verletzungen und Enttäuschungen später. Daraus hat sich eine gewisse Abgeklärtheit, eine Art Beziehungs-Pragmatismus entwickelt, die den Raum für „das Wunder“ der Liebe kleiner haben werden lassen. Jörg Thadeusz hat dazu einmal gesagt: „Wenn ich mich durch ein Profil festlege, beraube ich mich des Zaubers jenseits meiner Vorstellung“. Gleichzeitig, und das möchte ich natürlich nicht unterschlagen, kenne ich etliche Paare, die sich über Soziale Netzwerke oder Dating-Seiten im Internet kennen gelernt haben und dauerhafte, verbindliche Liebesbeziehungen eingegangen sind. Es gibt also kein einfaches Für oder Wider.

 

Welche Rolle spielen praktische Tipps und Übungen bei Ihrer Arbeit?

Christina Graefe:   Das ist unterschiedlich und hängt stark von der Persönlichkeit meines Gegenübers ab. Manche Klienten lassen sich gern auf praktische Übungen ein und profitieren dann häufig in erheblichem Maße davon. Andere sind eher skeptisch und wollen stattdessen lieber nur reden. Viele fragen mich auch gleich bei der ersten Kontaktaufnahme schon danach, weil sie wissen wollen, ob ich sie während der Sitzungen sexuell berühren werde. Das ist natürlich nicht der Fall. Aber ich persönlich arbeite in der Paartherapie zum Beispiel sehr gerne mit kommunikationsfördernden Übungen, wie den „Zwiegesprächen“ nach Lukas Moeller. In der Sexualtherapie biete ich den Klienten häufig Übungen an, die sie zu Hause allein oder mit dem Partner ausprobieren können, und wir sprechen dann in der folgenden Sitzung darüber.

 

So unterschiedlich Ihre Patienten sind: Woran messen Sie Ihren Erfolg?

Christina Graefe:   Ein Erfolg ist für mich ein gelöstes Anliegen. Nehmen wir zum Beispiel ein Paar, das in einer bedeutenden Krise steckt und mit der Trennung-oder-nicht-Frage zu mir kommt. Dann arbeite ich zusammen mit den Partnern an der Klärung und Lösung ihres Anliegens. Wenn sich das Paar danach trennt, ist das für mich genauso gut wie eine Fortsetzung der Beziehung, denn das ist eine Entscheidung, die ich den beiden nicht abnehmen kann. Was ich tun kann, ist dabei behilflich zu sein, eine stabile und transparente Entscheidungsgrundlage zu schaffen.

 

Heute müssen Interessenten gar nicht mehr zwingend zu einem Therapeuten gehen, wenn sie Hilfe brauchen. Es gibt zahlreiche Ratgeberzeitschriften und auch das Internet ist voll von Ratschlägen und Tipps. Was halten Sie persönlich von dieser „Konkurrenz“?

Christina Graefe:    Ich empfinde keine Konkurrenz. Als systemische Therapeutin gehe ich davon aus, dass jeder Mensch ein Individuum ist, dessen Probleme nach einer maßgeschneiderten Lösung verlangen. Die kann ein allgemeiner Ratgeber nicht bieten. Was der aber sehr wohl kann, ist, den Ratsuchenden vorab zu informieren, welche Erfahrungswerte bereits existieren, welche Möglichkeiten es gibt, wo Ursachen vermutet werden, wer welche Herangehensweise anbietet u.s.w.. Viele meiner Klienten haben bereits Informationen zu ihrem Anliegen recherchiert, wenn Sie zu mir in Praxis kommen. Das finde ich klasse, denn so muss ich nicht mehr bei „Adam und Eva“ anfangen, sondern kann auf dem Wissen meiner Klienten aufbauen.

 

Fassen Sie Ihre berufliche Tätigkeit bitte in einem Satz zusammen.

Christina Graefe:   Ich sehe mich als eine Art „Hebamme“, die Menschen dabei hilft, Lösungen auf die Welt zu bringen, die sie bereits in sich tragen, aber noch nicht wahrnehmen können.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Bildquelle: © Christina Graefe ⎪ Fotograf: Marco Stirn