Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

Trennungen haftet oft der Beigeschmack der Niederlage an. Warum eigentlich? Ob ein Abschied in ein Debakel oder eine Chance mündet, liegt wesentlich in unseren Händen. Das Zauberwort heißt Transformation.

 

Als der Schweizer Schriftsteller Max Frisch im Sommer 1962 seine Lebensgefährtin Ingeborg Bachmann wegen einer neuen Liebe verließ, erlitt diese einen umfassenden Zusammenbruch und unternahm in der Folge einen Selbstmordversuch. Danach publizierte die bedeutendste Dichterin ihrer Zeit annähernd zehn Jahre lang kaum etwas, während sie mit einer schweren Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit rang. Unterdessen verarbeitete Frisch die Qualen ihrer gescheiterten Liebesbeziehung freimütig in seinem Roman »Mein Name sei Gantenbein« und der Erzählung »Montauk«. Bachmann rächt sich später dafür, indem sie Frisch in ihrem Roman »Malina« und den unvollendeten Romanentwürfen des »Todesarten-Zyklus« vorführte. „Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht“,  schrieb Frisch im Rückblick – eine sportliche Untertreibung, wenn man bedenkt, dass die beiden nach ihrer traumatischen Trennung nie mehr wirklich voneinander los gekommen sind.

 

Das Trauma Trennung

 

Für viele von uns gehören Trennungen zu den schlimmsten Lebenserfahrungen. Wir fürchten uns zutiefst vor dem Schmerz der Zurückweisung, dem Alleinsein, dem Verlust lieb gewonnener Sicherheit und vielleicht auch mancher Illusion. Ebenso gut können es Zweifel sein, die uns quälen, ein schlechtes Gewissen oder Angst vor der Wut und der Trauer des Anderen. Da ist auch noch ein Drittes, dem ich im Gespräch mit Paaren in Trennungskrisen immer wieder begegne, und das ist Scham. „Am liebsten würde ich unser Hochzeitsgeschirr zertrümmern!“ schnaubte ein Ehemann kürzlich, dessen Frau ihm eine Affaire gestanden hatte. Für ihn hatte der Bruch des Treueschwurs den Verlust seiner Vorstellung von der „Bestimmung“ für einander zur Folge. Jetzt fürchtete er, sich von Anfang an in seiner Frau getäuscht und sich selbst „zum Narren gemacht“ zu haben.

 

Wann gehen besser ist als bleiben

 

Tatsächlich ist es oft gerade die Furcht vor einer totalen Niederlage wie dieser, die viele von uns in unpassenden, freudlosen, abhängigen, unbefriedigenden, anstrengenden, stagnierenden oder mitunter sogar demütigenden Beziehungen ausharren lassen. Flankiert wird dieses »Durchhalten« meist von der Vorstellung, dass man eine Trennung nur ganz oder gar nicht vollziehen könne – ein klarer Schnitt, der das, was einmal untrennbar zusammen gehörig erschien, auf immer und ewig voneinander scheiden möge. Dass das schon aufgrund von Kindern, die oft Teil der »Konkursmasse« sind, kaum möglich ist, wird dabei häufig übersehen. In der Folge und nicht zuletzt gerade wegen der Kinder, bleiben viele Paare zusammen, obwohl einer oder beide die Beziehung innerlich bereits aufgekündigt haben. Eisiges Schweigen oder aber ein auffallend herablassender, respektloser, verletzender Umgang miteinander in ergebnislosen Rechthabereien um die immer gleichen Themen kennzeichnen solche Paare, in deren Gegenwart sich wohl jeder von uns schon einmal gefragt hat: „Warum trennen die sich nicht einfach?“  Die Antwort lautet: Weil das nicht so einfach ist. Um ein Trennung wirklich als Lösung erleben zu können, bedarf es zuvor einiger mutiger Schritte.

 

Was ist eine misslungene Trennung?

 

Um zu verstehen, wodurch eine Trennung heilsam und fruchtbar werden kann, lohnt es sich, zuvor einen Blick auf das Gegenteil zu werfen.

 

Das zentrale Merkmal einer misslungenen Trennung ist Groll.

 

Groll entsteht immer dort, wo etwas unerlöst geblieben ist. Unerlöst bleibt, was nicht gesagt, nicht gefühlt, nicht geteilt, gesehen und gewürdigt wurde. Diese radikale Offenheit fällt durchaus nicht leicht, denn sie bringt es mit sich, dass wir die Erschütterung, die Wut, die Trauer und vielleicht sogar den Hass unseres Gegenübers miterleben und ertragen müssen. „Es würde sie/ihn doch nur verletzen, wenn ich die Wahrheit sage“, argumentieren deshalb viele, die eine Beziehung verlassen, die Schuldgefühle aber nicht ertragen wollen. Wenn wir in dieser Situation jedoch vor den Konsequenzen unseres Handelns ausweichen und unseren Teil der Verantwortung nicht übernehmen wollen, verspielen wir die Chance, die Beziehung  so zu transformieren, dass sie auf einer anderen Ebene weitergehen kann.

 

Wie Trennung gelingt

 

Die Qualität einer Beziehung erkennt man nicht daran, wie sie begonnen hat, sondern daran, wie sie beendet wird.

 

Diese simple Wahrheit findet in unserer modernen Welt leider nur wenig Beachtung. Lieber richten wie unsere Aufmerksamkeit auf erste Dates und spätere Hochzeitszeremonien, als darauf, wie wir unseren Liebesbeziehungen zu einem angemessenen, würdevollen und heilsamen Ende verhelfen. Vor dem Hintergrund unseres romantischen Liebesideals, das nach wie vor die Vorstellung von der einen, großen, lebenslange Liebe zelebriert, muss das auch nicht verwundern. Mit unserem gelebten Alltag hat das allerdings wenig zu tun.

 

Die meisten von uns leben heute in sogenannter »Serieller Monogamie«. Wir gehen exklusive Beziehungen ein, die wir nach einer gewissen Zeit wieder beenden, um uns auf eine neue exklusive Beziehung einzulassen. Auf diese Weise schaffen wir es im Durchschnitt auf 2-3 wichtige Lebensabschnittspartner, mit denen wir unseren Alltag und unsere Sexualität teilen. Dabei lernen wir im besten Fall uns selbst und den Anderen in der Tiefe kennen, teilen Freud und Leid, wissen um die Stärken und Schwächen der vertrauten Seele. Es entsteht, was Liebesbeziehungen von allen anderen Beziehungen unterscheidet – Intimität. Diese Intimität ist so einzigartig wie die Fingerabdrücke des Paares und kann entsprechend auch in nachfolgenden Beziehungen so nie wieder hergestellt werden.

 

Wollen wir darauf wirklich verzichten, wenn wir, aus welchen Gründen auch immer, beschließen, nicht mehr dasselbe Bett teilen zu wollen?

 

Die Wunden der Trennung  heilen

 

Wiewohl es für manche Paare das Beste sein kann, sich auf Nimmerwiedersehen von einander zu verabschieden, so unsinnig erscheint dieser radikale Schnitt für viele andere. Im Angesicht der Trauer, der Wut, der Scham und des Trennungsschmerzes, fehlt vielen die Phantasie oder auch nur der Mut, sich eine gemeinsame Zeit »danach« auszumalen. Dabei gehört es zum heilsamen Abschluss einer Beziehung wesentlich dazu, das Augenmerk auch auf das zu richten, was in der Beziehung kostbar war:

 

Was hat zwischen uns gut funktioniert? Wo waren wir ein tolles Team? Was hat uns am Anderen besonders gefallen? Was hat uns persönlich bereichert? Welche Erfahrungen haben wir miteinander gemacht? Was haben wir daraus gelernt? Was werden wir vermissen? Wofür sind wir dankbar?

 

Wenn es uns gelingt, diese und weitere Fragen nach der Qualität der Beziehung aufrichtig zu beantworten, verfügen wir bereits über eine Auswahl an kostbaren Gemeinsamkeiten, die die Mühe lohnen könnten, die endende Liebesbeziehung in eine neue Beziehungsform zu transformieren. Vielleicht werdet/bleibt Ihr Geschäftspartner? Vielleicht gute Eltern? Reisebuddies? Kollegen? Tanzpartner? Teilt weiterhin dieselben Freunde? Stell Dir vor, Ihr bliebet Freunde?

 

Klingt unvorstellbar? Nach allem, was er/sie Dir angetan hat? Mitten in der furchtbaren Krise, in der Du  gerade steckst? Unser krisenfester Freund Max Frisch hat dazu einmal angemerkt: „Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“  Der hatte gut reden…

 

Vergebung

 

Was es am Ende einer Liebesbeziehung tatsächlich braucht, um weitergehen zu können, ist Vergebung. Vergebung ist der Schlüssel, denn sie heilt beide Partner. Gemeint ist damit nicht ein simples »Abhaken« der Beziehung als Fehlschlag, sondern vielmehr das klare und umfassende Eingeständnis, dass etwas Kostbares in unserem Leben zu Ende gegangen ist und wir es zurück lassen müssen, um weitergehen zu können. Vergeben wir dem Anderen und vergeben wir uns selbst, dass die Liebe nicht bis zum Lebensende gereicht hat. Dahinter öffnet sich ein Raum voller Möglichkeiten.

 

Von Herzen,

Christina

 

Hier ist zu sehen, wie ein Paar seine Scheidung in einem berührenden Ritual vollzieht:

 

 

 

Fotoquelle: Gellinger CCo Pixabay