Die Angst nicht gut genug zu sein

Impuls zum Thema “Selbstzweifel – Die Angst nicht gut genug zu seinvon Petra Wagner, Leitung der Kontemplationslinie Wolke des Nichtwissens am Benediktushof.

 

 

“Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, was ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom großen Sturm bezwingen, –
wir würden weit und namenlos.”

Rainer Maria Rilke

 

Wie ist das klein, womit wir ringen – wie übermächtig erscheint es uns. Wir ringen immer mit uns selbst, vielmehr mit unserem Selbstbild. Das, geboren aus vielfältigen Erfahrungen, oft übergroße Schatten wirft.

 

Es beginnt alles mit einem „Blauen Baum“. Der blaue Baum ist natürlich eine Metapher, lediglich ein Symbol, und doch ist es eine wahre Begebenheit, die ich als Beispiel erzählen möchte. Vor annähernd 35 Jahren gab es im Kindergarten unserer Töchter einen fröhlichen kleinen Jungen, der selten ohne einen Stift in der Hand anzutreffen war. Seine ganze Leidenschaft war das Zeichnen und Malen. Es entstanden außergewöhnliche Bilder mit einer Klarheit der Formen, die sehr erstaunlich war. Dann kam das neue Kindergartenjahr… und mit ihm eine neue Erzieherin.

 

Der Junge wurde still und stiller, und es dauerte einige Zeit, bis die Tiefe der Bedeutung einer sich täglich wiederholenden Situation den Eltern und anderen Erwachsenen bewusst zu werden begann. Der Junge malte täglich einen bestimmten, an der Form klar zu erkennenden Baum, immer blau. Die Erzieherin zerriss Tag für Tag das Bild des blauen Baumes mit den Worten: „Blaue Bäume gibt es nicht.“

 

Mit diesen Worten transportierte sich die Aussage „Du bist falsch“. Er legte die Stifte weg und weigerte sich fortan zu zeichnen und zu malen. Die zu diesem Zeitpunkt unwiderrufliche Erfahrung von „falsch sein“ manifestierte sich und begann ihre traurige Wirkung zu entfalten. Allein beim Schreiben erinnert sich die Trauer um zerstörte Begeisterung und Begabung.

 

Wir alle kennen einen „Blauen Baum”… und er kann unsere Selbstzweifel bis hin zur Verzweiflung füttern.

 

In der ständigen inneren Wiederholung der Selbstzweifel findet eine Erstarrung statt, die sich dem Leben in seiner Vielfalt verweigert. Gefangen in der Ver-Zweifel-ung ist es nicht mehr möglich, die Wirklichkeit von der Illusion unserer Vorstellungen zu unterscheiden. In dieser Form der Selbsterniedrigung findet im Grunde eine Selbstüberhöhung statt:

 

Alles wird durch die Brille der Selbstzweifel gesehen und durch die innere Haltung von Misstrauen in Bezug zum Ich gesetzt. Die Welt beginnt sich in einer sehr destruktiven Form allein um die eigene Person zu drehen. Nicht um zum Glück zu gelangen – sondern um das aus zerstörender Kritik und Ablehnung entstandene Zerrbild aufrecht zu erhalten und zu bestätigen. Diese Art von Schattenboxen gegen sich selbst kostet unendliche Kraft und mündet nicht selten in eine tiefe Erschöpfung… in eine Lebensmüdigkeit.

 

Sich dem Leben zu überlassen, das Sich-Selbst-Kleinmachen beenden, das ständige in Bezug setzen sein lassen, wie kann das gelingen?

 

Es kann allein in und mit diesem Augenblick jetzt beginnen. Was auch immer mit uns geschehen ist, als das Bild des “Blauen Baumes” zerrissen wurde, es ist nicht möglich dieses zerrissene Bild vollständig auszulöschen – aber – es ist möglich den “Blauen Baum” erneut zu malen… Jetzt. Es braucht Mut, ja. Mut, die Brille der Selbstzweifel abzunehmen und sich auf das, was jetzt ist, einzulassen. Sich dem Leben, wie es jetzt ist, anzuvertrauen. Dieser Mut, dieses Vertrauen in den Augenblick, in das Leben, ist das, was wir zutiefst sind… jenseits der Angst… „weit und namenlos“.

 

Petra Wagner, im Oktober 2019

http://west-oestliche-weisheit.de