Fancy Girls
Kann man Sex-Sklaverei bekämpfen?
Es ist schon eine merkwürdige Mischung aus Faszination und Ohnmacht, mit der wir in diesen Tagen die fortschreitenden Enthüllungen um den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein verfolgen. Mit jeder neuen Veröffentlichung wird deutlicher, wie unfassbar weit verzweigt dieses Netzwerk war, wie komplex die Geschäftsinteressen, wie viele Kontakte, wie viel Geld, wie viel Macht im Spiel waren. Und während wir das alles lesen und analysieren, darüber spekulieren und uns empören, warten wir insgeheim auf Erlösung. Darauf, dass neben Ghislaine Maxwell – bezeichnenderweise der einzigen Frau im Zentrum des Netzes – endlich die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Dass doch noch belastbare Beweise auftauchen, die orangefarbene und andere ruchlose Männer zu Fall bringen. Dass unser Glaube an einen funktionierenden Rechtsstaat, vor dem wir alle gleich sind, noch Bestand hat.
Spätestens seit dem verstörenden Auftritt der US-Justizministerin Pam Bondi am 11. Februar 2026 vor dem Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses dürfte diese Hoffnung endgültig erloschen sein. Keiner der mutmaßlichen Täter wird unter dieser Administration ernsthafte Konsequenzen fürchten müssen. Das System schützt sie – die Opfer nicht .
Vielleicht überrascht das nur deshalb, weil wir so gern glauben möchten, dass wir es hier mit einer beispiellosen Monstrosität zu tun hätten. Tatsache ist aber: Jeffrey Epstein hat kein neues
System erfunden. Er hat ein altes perfektioniert. Er hat einer historischen Praxis eine moderne Infrastruktur gegeben – mit Insel-Resorts statt Hinterzimmern, Offshore-Konten statt
Bargeldkoffern und globaler Vernetzung statt regionalen Märkten.
Das Geschäftsmodell »Fancy Girls«
Bereits im 18. und 19. Jahrhundert existierte in den Vereinigten Staaten ein vergleichbares, damals legales Geschäftsmodell: der Handel mit den sogenannten »Fancy Girls«. Das waren meist gemischtrassige, eher hellhäutige junge Slavinnen – oft noch Kinder – die gezielt für sexuelle Ausbeutung ausgesucht und angeboten wurden. Sie galten als Luxusware – wie für uns heute ein teures Auto oder eine exquisite Uhr. Entsprechend lag ihr Preis auch deutlich über dem einer gewöhnlichen Arbeitssklavin.
Zu den bekanntesten Händlern gehörten John Armfield, Isaac Franklin und Rice C. Ballard – die Brian Epsteins dieser Epoche. Historische Geschäftsunterlagen zeigen, wie systematisch sie dabei vorgingen: Auswahl nach Aussehen, Alter und Vorlieben der Käufer. Optimierung von Verkaufswegen und Transportkosten. Diskrete Vermittlung an wohlhabende Männer durch Auktionen, während der sich die Opfer bisweilen ausziehen mussten, um von den Kunden begutachtet/untersucht zu werden. In einigen Fällen sind so Verkaufspreise bis zu 7.000$ erzielt worden, was in etwa dem Preis eines mittleren Stadthauses entsprach. Nicht jeder konnte diese Summen bar auf den Tisch legen, weshalb Banken gern einsprangen, um den Kauf zu finanzieren. Gerichte haben die Verträge bestätigt. Das gesamte System hat ineinandergegriffen, um Zwangsprostitution als luxuriösen Zeitvertreib für wohlhabende Männer legal zu ermöglichen – ein lukratives Geschäftsmodell für alle außer den »Fancy Girls«.
Sie wurden nach dem Verkauf entweder direkt im Haus des Käufers gehalten – wo sie nicht selten der Wut einer gedemütigten Ehefrau ausgesetzt waren – oder in eigens für sie eingerichteten Häusern auf dem Grundstück. Sie hatten ihrem Herrn und dessen männlichen Gästen jederzeit zur Verfügung zu stehen und jeden noch so abwegigen Wunsch zu erfüllen. Im Durchschnitt haben diese Frauen ihr Schicksal nicht länger als vier Jahre überlebt, bevor sie an Körperverletzungen oder Geschlechtskrankheiten starben, sich das Leben nahmen oder aufgrund von Schwangerschaft aussortiert und zu den Arbeitssklaven geschickt wurden.
Eine Gesellschaft, die wegschaut
Das System funktioniert bis heute nach denselben Regeln, die es schon im antiken Griechenland kannte, von wo uns erste Berichte über organisierte Sex-Sklaverei überliefert sind: Abhängige
und/oder rechtlose Frauen, Männer und Kinder als Ware auf der einen Seite. Reiche, mächtige Männer mit speziellen Vorlieben, die sich bei Bedarf gegenseitig schützen können auf der anderen.
Dazwischen Makler, die den Transfer diskret organisieren, für regelmäßigen Nachschub sorgen, „Unfälle“ beseitigen und sich dabei eine goldene Nase verdienen. Und – last, but not least – eine
Gesellschaft, die lieber wegsieht, oder nur kurz aufschaut, wenn es gerade mal wieder eine spektakuläre Sensation zu bestaunen gibt, wie zuletzt die Bilder eines gedemütigten Ex-Prinzen am Tag
seiner Verhaftung..
Das war doch schon immer so
Aber: Wollen wir die »Epstein-Files« wirklich nur als Empörungsmaschine benutzen? Ist unser Glaube an die Justiziabilität von Rechtsverletzungen durch Reiche und Mächtige nach Cum-Ex, den Panama-Papers und jetzt, den Epstein-Files so weit erodiert, dass wir nur noch mit den Schultern zucken und uns mit „Das war doch schon immer so…“ abfinden?
Das sollten wir nicht.
Es reicht auch nicht, jetzt auf Selbstverteidigungskurse für Teenager, Aufklärungsarbeit an Schulen und digitale Medienkompetenz oder gar Handyverbote für unter 16jährige zu pochen. Das mag oberflächlich betrachtet alles gut und schön sein, bedeutet aber im Kern, dass wir die Verantwortung für die Achtung unserer Gesetze an die jugendlichen Opfer delegieren. Im 21. Jahrhundert sollten Kinder und Jugendliche nicht mehr lernen müssen, sich in einer Welt voller Raubtiere leise und vorsichtig zu bewegen, um unversehrt zu bleiben. Stattdessen sollten sie sich darauf verlassen können, dass wehrhafte Erwachsene für sie und ihre Rechte einstehen.
Die Scham muss die Seiten wechseln
Der Geschichte von Gisèle Pelicot hat uns im letzten Jahr eindrücklich vorgeführt, was geschehen kann, wenn Wehrhaftigkeit sich durchsetzt. Jahrelang hatte ihr Ehemann sie betäubt, missbraucht und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten. Im Dezember 2024 wurde er zu 20 Jahren Haft verurteilt, 50 Mitangeklagte erhielten ebenfalls Gefängnisstrafen, ca. 30 weitere mutmaßliche Täter konnten nicht zweifelsfrei ermittelt werden. Von alle dem wissen wir nur, weil Gisèle Pelicot zuvor durchgesetzt hatte, den Prozess öffentlich zu führen. „Die Scham muss die Seiten wechseln“ – unter diesem Motto hat sie viel auf sich genommen, um anderen Opfern Mut zu machen, sich den bestehenden Machtstrukturen zu widersetzen.
Die Schicksale der »Fancy Girls« und der Wagemut von Gisèle Pelicot zeigen uns: Profitable Systeme, die auf Ausbeutung beruhen, erneuern sich immer wieder. Sie passen sich an, modernisieren sich, aber sie verschwinden nicht einfach, solange wir ihnen als Gesellschaft nicht geschlossen entgegentreten. Nicht nur empört. Nicht nur schockiert. Sondern unbequem, hartnäckig und fordernd. Die konsequente und transparente Strafverfolgung von Sexualstraftätern ohne Ansehen ihres gesellschaftlichen Status sollte im 21. Jahrhundert unser erklärtes Ziel sein und nicht nur eine passive Erlösungsfantasie. Auch wenn das nicht in jedem Einzelfall greifen mag. Der Preis, den die Täter bei ihrer Ergreifung und Bloßstellung zu zahlen hätten, würde den ihrer »Fancy Girls« doch bei Weitem übersteigen.
Wenn du gern mehr Texte wie diesen lesen möchtest, dann melde dich hier an für
»Christinas Liebesbriefe«
