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Das Doppelwaschbecken

Das Doppelwaschbecken


Die sanitärgewordene Apokalypse der Paarbeziehung

Zwei niedliche Hunde sitzen im Schnee dicht beieinander. Der eine Hund hat seine Vorderpfoten auf die Schultern des anderen gelegt, so als würde er ihn umarmen.

Habt ihr zu Hause auch ein Doppelwaschbecken? So eins, an dem du morgens neben deiner besseren Hälfte stehst und dir die Zähne putzt? Ganz schön luxuriös. Aber Vorsicht! Denn als das Doppelwaschbecken in den 1950er Jahren in die Badezimmer des amerikanischen Mittelstands einzog, ahnte noch niemand, dass es eines Tages zum Beziehungskiller Nr. 1 mutieren würde. 

Aber fangen wir besser von vorne an…

 

Von Doppelverdienern zum Doppelwaschbecken

 

Als Frauen weiland berufstätig wurden, mussten Eheleute frühmorgens feststellen, dass sie plötzlich ein neues Problem hatten: Um zur selben Zeit das Haus verlassen zu könnten, mussten beide irgendwie parallel ihre Körperpflege in den Griff kriegen. Erwartungsgemäß führte das zu Beef im Bad – ein Problem, das der Sanitärfachhandel schließlich löste, indem er das Doppelwaschbecken schuf. Praktisch, demokratisch, fortschrittlich – ein Meilenstein!

 

Das Unheil nahm seinen Lauf, als das Doppelwaschbecken auf seinem Siegeszug durch die westlichen Industriegesellschaften auf eine befremdliche Bewegung traf – zappelige  junge Leute mit langen Haaren, bunten Klamotten und eigenartig riechenden Zigaretten, die großen Reden über Frieden, Liebe und sexuelle Befreiung schwangen oder kurz: Hippies. Mit denen hatten das Doppelwaschbecken eigentlich nichts gemein – und doch kam es zu einer unseligen Allianz zwischen den beiden, deren Folgen wir bis heute spüren. Die Idee der Hippies von freier Liebe ohne hinderliche Hemmungen und kleinbürgerliche Tabus veränderte unser Schamempfinden massiv. 

Leider nicht zum Besseren.

 

Schamlosigkeit ist nicht sexuelle Freiheit

 

Denn hier liegt das Missverständnis, das sich hält wie Kalk am Beckenrand: Schamlosigkeit wird mit sexueller Freiheit verwechselt, Intimität mit Indifferenz, Nähe mit Transparenz.

 

Was ist da schiefgelaufen?

 

Scham, so hinderlich sie im Einzelfall auch sein mag, ist kein Relikt reaktionärer Spießigkeit. Sie ist ein hochentwickeltes soziales Instrument, das Grenzen markiert – und damit erst die Schwellen schafft, die es zu überschreiten lohnt. Wer keine Grenzen kennt, kann sie auch nicht überschreiten. Das Begehren braucht diese Schwelle. Es braucht das Verbotene, das Verhüllte, das Noch-nicht-Gesehene. Kurz: Es braucht Geheimnis.

 

Das schamlose Paar

 

Genau dieses Geheimnis wird nun im Doppelwaschbecken-Badezimmer mit geradezu grimmiger Gründlichkeit vernichtet. Das »schamlose« Paar teilt nämlich nicht nur Zahnpasta und Rasierer, sondern auch Wattestäbchen-Momente, Tamponentsorgung und jene Geräusche, für die Toilettentüren nicht ohne Grund erfunden wurden. Paare, die das zusammen erleben, halten sich oft für besonders vertraut, radikal offen, ganz und gar frei. Sie verwechseln dabei aber Intimität mit Indifferenz. Denn was hier im Namen der zwanglosen Natürlichkeit zelebriert wird, ist in Wirklichkeit die schleichende Desexualisierung des Partners oder der Partnerin.

 

Der verwirrte Körper

 

Der menschliche Körper kennt zwei grundlegend verschiedene Register: das erotische und das pflegende. Beide sind wichtig, aber sie vertragen sich schlecht. Das pflegende Register – Wunden versorgen, Schwäche zulassen, sich um jemanden kümmern wie um ein Kind – aktiviert im Gehirn Schaltkreise, die evolutionär mit Fürsorge, Schutz und Bindung verknüpft sind. Das erotische Register lebt indes von Spannung, Neugier, einer gewissen Unverfügbarkeit des Gegenübers. Wer den Partner oder die Partnerin eben noch beim Pickeldrücken gesehen hat, muss im nächsten Moment viel Fantasie aufbringen, um denselben Menschen als unwiderstehliches Subjekt des Begehrens zu erleben.

 

Esther Perel, eine belgisch-amerikanische Paartherapeutin, hat diesen Widerspruch präzise beschrieben: Sicherheit und Verlangen sind keine Verbündeten. Vertrautheit schafft zwar Stabilität. Verlangen braucht aber Distanz, Überraschung, ein Gegenüber, das man nicht vollständig kennt und besitzt. Das Badezimmer ist, wenn man so will, der Ort, an dem viele Paare täglich daran arbeiten, genau diese Distanz auf Null zu setzen.

 

Nackte Tatsachen – ein kultureller Exkurs

 

Nun ließe sich verächtlich schnauben: Wie prüde! Hatten wir das alles nicht schon hinter uns? 

Kommt drauf an, wo man lebt, würde ich sagen. 

 

In Japan etwa gibt es eine hochverfeinerte Kultur des Verbergens und Enthüllens, in der ein Augenaufschlag erotischer aufgeladener sein kann als nackte Tatsachen. In Frankreich hingegen gehört eine gewisse körperliche Lässigkeit zum Savoir-vivre. Und dennoch: Selbst die entspannteste Nacktbadekultur unterscheidet intuitiv zwischen dem nackten Körper am Strand und dem Körper bei der Körperpflege. Das eine ist Freiheit, das andere Hygiene. Diese Unterscheidung ist übrigens nicht kulturell beliebig – sie ist anthropologisch tief verankert. Praktisch alle Kulturen kennen Tabus rund um Ausscheidung, Körperflüssigkeiten und bestimmte Hygienepraktiken. Diese Tabus sind keine Fehlfunktionen der Zivilisation, die es zu überwinden gilt. Sie sind Signale, die uns warnen: Dieser Bereich gehört nicht zur erotischen Sphäre.

 

Besonders deutlich wird das in der Paartherapie: Viele Menschen – überproportional oft Frauen in heterosexuellen Beziehungen – reagieren mit sexueller Unlust, wenn ihre Partner so tun, als bestünde kein nennenswerter Unterschied zwischen einem nackten Arm und einem nackten Penis. Das ist keine Prüderie. Das ist die Erschöpfung des erotischen Signals durch Überexposition. Was ständig sichtbar ist, hört auf, aufregend zu sein. Das gilt für Kunstwerke an der Wand ebenso wie für Körper im Badezimmer.

 

Nähe ist nicht Transparenz

 

Viele Paare glauben indes unverdrossen, je rückhaltloser sie sich voreinander zeigen, desto tiefer sei ihre Verbindung. Was nach radikaler Offenheit, nach Augenhöhe und moderner Beziehung klingt, produziert tatsächlich aber etwas, das Psycholog*innen als »Parentifizierung« der Partnerschaft beschreiben: eine Dynamik, in der Partner unbewusst eine Mutter- oder Vaterrolle übernehmen. Man sorgt füreinander, man kennt alle Gebrechen des anderen, man ist vollständig vertraut – und vollständig desexualisiert. Wenn das Badezimmer zum Ort wird, an dem täglich diese Art von Fürsorge-Intimität zelebriert wird, sollte man sich nicht wundern, wenn im Schlafzimmer die Energie fehlt.

 

Was nun?

 

Keine Sorge, wir müssen jetzt nicht zurück ins viktorianische Schlafzimmer, in dem sich Eheleute vor getrennten Betten gegenüberstanden wie Brüderchen und Schwesterchen. 

 

Aber es könnte um die bewusste Pflege von Zonen des Nicht-Wissens gehen, des Noch-nicht-Gesehenen. Darum, dem oder der anderen etwas zu lassen, das nicht geteilt wird – nicht aus Scham im bürgerlichen Sinne, sondern aus dem Verständnis heraus, dass das Geheimnis kein Feind der Intimität ist. Es ist ihre Voraussetzung.

 

Das Doppelwaschbecken darf indes bleiben - war schließlich teuer genug. Aber vielleicht könnte man vereinbaren, es nicht bei jeder Gelegenheit gleichzeitig zu benutzen.

 

 

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