Die welle des Wandels reiten
Was mir hilft, wenn ich mich überfordert fühle
Dieser Januar hat es in sich, nicht wahr? Auf der politischen Bühne herrscht viel Unsicherheit – national wie international. Kaum hat man eine Schlagzeile verdaut, taucht schon die nächste auf. Zuletzt wieder das Gerangel um Grönland. Unübersichtlich wie eine Schachpartie mit zu vielen Königen. Mir macht das oft Angst. Mein innerer Kompass beginnt dann zu kreiseln. Ich fühle mich klein, machtlos und Kräften ausgeliefert, deren Intentionen bestenfalls diffus bleiben.
Dieses Gefühl ist mir allerdings nicht nur aus den Nachrichten vertraut. Ich und vielleicht auch du – wir kennen es auch aus unseren intimsten Beziehungen. Da gerät plötzlich etwas ins Rutschen, das über Jahre stabil schien. Dieser eine kränkende Satz zu viel, ein bitteres Geheimnis, ein innerer Abschied, der zu lange unbemerkt blieb. Und selbst wenn es gelingt, das akute Problem fürs Erste zu lösen, bleibt doch oft ein feiner Riss im Vertrauen zurück. Der Elefant im Raum:
War unser Fundament wirklich so tragfähig, wie ich dachte?
An diesem Punkt beginnen sich die Lager zu bilden. Die einen sagen: Alles hinschmeißen und ganz neu anfangen, und dafür sprechen durchaus gute Gründe. Der Wunsch nach Selbstschutz, zum Beispiel. Wer geht, entzieht sich der Daueranspannung in der Hoffnung auf einen Neuanfang ohne Altlasten. Dahinter verbirgt sich meist eine Sehnsucht nach Klarheit, denn Ambivalenz ist anstrengend, kräftezehrend und mitunter zermürbend. Allerdings gehen damit oft auch die gemeinsamen Errungenschaften verloren, und damit meine ich nicht nur die materiellen. In der Wut auf das Gegenüber, das uns vermeintlich betrogen, gekränkt und ausgenutzt hat oder eben schlicht nicht war, was wir es uns erhofft hatten, verbrennen leicht auch jene kostbaren Momente, in denen wir uns gehalten, geschliffen und zu einer reiferen Version unserer selbst begleitet haben. Schließlich kennt jede längere Beziehung Zeiten, in denen zwei Menschen einander nicht nur lieben, sondern formen.
Deshalb sagen die anderen: Bleiben und die Welle des Wandels reiten. Nicht jede Erschütterung muss gleich das Aus bedeuten – manchmal ist sie auch nur eine Einladung zur Neuausrichtung. Wachstum geschieht schließlich selten in der Komfortzone. Oft entsteht sogar erst nach, oder besser durch eine Krise tiefere Verbundenheit.
Beide Wege können richtig sein. Beide können auch scheitern. Die entscheidende Frage lautet daher vielleicht gar nicht: Gehen oder bleiben? sondern:
Wie bleibe ich innerlich handlungsfähig, während um mich herum alles in Bewegung ist?
Wer die Welle des Wandels reiten will, sollte willens und in der Lage sein, sich selbst zu beruhigen. Nicht im Sinne von Wegdrücken oder Schönreden, sondern als Fähigkeit, im Sturm klar und anwesend zu bleiben – unabhängig von den äußeren Bedingungen.
Das ist leichter gesagte als getan, ich weiß. Dennoch lohnt es sich, dieses Ziel im Auge zu behalten und sich ihm immer wieder aufs Neue zu nähern. Was mir dabei hilft:
1. Den Körper zuerst beruhigen
Tiefe, bewusste Atmung, langsames Gehen, ein warmer Tee. Beruhigung beginnt nicht im Kopf, sondern im Nervensystem.
2. Die eigenen Werte benennen
Was ist mir unverhandelbar wichtig? Ehrlichkeit? Verbundenheit? Würde? Freiheit? Unsere Werte sind der innere Fels, an dem die Wellen brechen können.
3. Den Zeithorizont weiten
Nicht jede Entscheidung muss heute fallen. Wer (noch) nicht weiß, was zu tun ist, tut am besten nichts. Manchmal genügt es schon, dafür die Verantwortung zu übernehmen.
Wer so in sich verankert bleiben kann, wird zum Fels in der Brandung – nicht hart, sondern verlässlich. Menschen, die Halt ausstrahlen, ohne zu verhärten, sind in Zeiten wie diesen von unschätzbarem Wert. Sie tragen dazu bei, dass neues Vertrauen, neue Beziehungen und ein neues Miteinander entstehen können – auch wenn wir heute noch nicht wissen, wie genau sie aussehen werden.
Und während die Welt draußen im Lärm zu versinken scheint, geschieht in dir etwas Leises: Dein Atem fließt wieder. Du beginnst wieder zu unterscheiden zwischen dem, was du beeinflussen kannst, und dem, was du getrost den Gezeiten überlassen darfst. Aus dieser Ruhe wächst Vertrauen – nicht in die Unerschütterlichkeit der Welt, sondern in die eigene. Vielleicht ist das die höchste Form von Sicherheit, die wir uns geben können.
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