Die Kunst des Umarmens
Die Art wie wir einander umarmen, sagt viel über uns aus
Es gibt Umarmungen, die passieren eher nebenbei – wie ein höflicher Gruß, der den Körper kurz in Aktion versetzt, aber das Innere unbewegt lässt. Viele Menschen haben sich sogar kleine Tricks angewöhnt, um die Nähe dabei zu dosieren: ein frühzeitiger Rückzug, ein schräger Oberkörper, der den »Anstandsabstand« wahrt oder auch das berühmt-berüchtigte Rückenklopfen, als erwarte man, dass das Gegenüber ein »Bäuerchen« macht und das besonders unter Männern beliebt ist. Gesten jedenfalls, die höflich wirken sollen, aber oft etwas ganz anderes verraten: Scheu, Unsicherheit, vielleicht auch die Gewohnheit, sich selbst nicht ganz einzulassen.
Und dann gibt es diese anderen Umarmungen. Die, in denen zwei Menschen sich wirklich begegnen. Sie dauern länger, als die Höflichkeit es verlangt und kürzer, als man es sich insgeheim wünscht. Man spürt das Gewicht des anderen, nimmt dessen Geruch war, das kleine Nachgeben in der Muskulatur, wenn das erste Zögern abfällt. Es ist erstaunlich, wie viel über einen Menschen in diesen Sekunden lesbar wird: Wie er Nähe zulässt. Wie er Halt gibt. Wie er sich selbst hält.
Biologisch erklärt sich das leicht mit Hormonen: Oxytocin, das Bindungshormon, wird ausgeschüttet, Stresshormone pegeln runter, der Puls beruhigt sich. Aber diese Erklärungen erfassen nur die Oberfläche. Die eigentliche Wirkung einer echten Umarmung liegt nicht in ihren chemischen Folgen, sondern in ihrer stillen Zustimmung: Du musst jetzt nicht den Bauch einziehen. Du musst nichts darstellen. Für die nächsten paar Augenblicke sind da nur du und ich und sonst nichts.
Viele Paare entdecken erst spät, dass Umarmungen eine eigene Sprache sprechen. Nicht die der Worte, sondern die der Haltung, der Präsenz. Wenn zwei Menschen sich wirklich umarmen, ohne Rückhalt, ohne Klopfen, ohne Eile, entsteht ein Raum, der Vertrauen erst möglich macht. Manchmal löst sich darin sogar etwas, das lange festgehalten wurde: ein Gedanke, ein Schmerz, ein Groll oder einfach ein Atemzug.
Der bekannte amerikanische Paartherapeut Dr. David Schnarch erfand eine Übung, die er »Umarmung bis zur Entspannung« nannte. Zwei Menschen stehen sich gegenüber, halten sich und warten so lange, bis sich der Körper beruhigt, bis die innere Anspannung weicht. Das klingt einfach. Doch in Wahrheit ist es eine der mutigsten Formen der Nähe: sich halten zu lassen – und zu halten – bis beide wirklich im Augenblick ankommen und einander nicht mehr ausweichen.
Wollt ihr das einmal ausprobieren? 🔗 »Umarmung bis zu Entspannung«
Es braucht dazu übrigens nicht zwingend eine Partner*in. Familienmitglieder, Freund*innen oder nette Kolleg*innen tun's auch...
Wenn du gern mehr Texte wie diesen lesen möchtest, dann melde dich hier an für
»Christinas Liebesbriefe«
