Es gibt so wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte


Was ausgerechnet Rilke uns über Weihnachten Lehrt

Eine stille, schneebedeckte Winterlandschaft bei sternklarer Nacht. Im Vordergrund steht ein alter Holzschuppen. Mit freundlicher Genehmigung von Freepik.

Es gibt so wunderweiße Nächte,

drin alle Dinge Silber sind.

Da schimmert mancher Stern so lind,

als ob er fromme Hirten brächte

zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantstaube

bestreut, erscheinen Flur und Flut,

und in die Herzen, traumgemut,

steigt ein kapellenloser Glaube,

der leise seine Wunder tut.

 

 

Rainer Maria Rilke – dessen 150. Geburtstag wir gerade gefeiert haben – schrieb dieses Gedicht im Oktober 1896 in München. Es war Teil seines Zyklus »Traumgekrönt« und wurde im Ausblick auf Weihnachten verfasst. Dabei war Rilke alles andere als ein gläubiger Christ. Er suchte eher den persönlichen Zugang zum Göttlichen und fand ihn womöglich in einer tiefen Naturverbundenheit und seiner rückhaltlosen Hingabe an das irdische Leben.

 

Für mich bringt dieses Gedicht wie kein zweites zum Ausdruck, dass ein »kapellenloser Glaube« und religiöse Spiritualität sich nicht feindlich gegenüberstehen müssen. Beide eint, was beide suchen, nämlich die Verbindung zu etwas Erhabenem, dem sie sich zuordnen und anvertrauen können. Alle Religionen und alle spirituellen Pfade haben sich darauf einigen können, dieses Erhabene mit Liebe zu assoziieren – jener Kraft, die Menschen eint, sie tröstet, stärkt und mit Sinn erfüllt.

 

Wenn wir heute auf die Welt blicken, sehen wir von dieser Liebe allerdings erschreckend wenig. Stattdessen scheinen Krieg, Hass, Polarisierung und Zersetzung die Oberhand zu gewinnen. Viele von uns reagieren auf diese Überforderung mit Rückzug: Wir halten still, ziehen uns zurück in das, was überschaubar ist, und hoffen, dass die großen Dramen an uns vorüberziehen werden. Dabei übersehen wir leicht, dass Liebe ihren Anfang nicht in den Palästen nimmt, sondern in den Hütten: in der Familie, in der Partnerschaft, in der Freundschaft. Dort wächst sie – oder geht verloren.

 

Wir können etwas tun. Wir können dafür sorgen, dass unsere Herzen offen bleiben, auch wenn die Welt sich verhärtet. Wir können lernen, Gespräche zu führen, die nicht dem Muster von Angriff und Verteidigung folgen. Wir können zuhören, wirklich zuhören, und das, was nicht unseren Vorstellungen entspricht, stehenlassen, ohne es sofort einzuordnen oder zu bewerten. Wir können wahrnehmen, was uns verletzt, und sagen, was uns wichtig ist, ohne zu verletzen.

 

Vielleicht ist das der »kapellenloser Glaube«, von dem Rilke spricht: eine Haltung, die keiner Institution bedarf, weil sie jedem Menschen möglich ist. Eine Form von Aufmerksamkeit, die im Kleinen des Alltags beginnt und ist wie ein Funke, der ein Feuer entfacht – unser Beitrag zu einer Welt, in der es wieder wärmer werden kann.



Ich wünsche uns allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

 

wie wollen wir lieben?


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